Römischer Vicus im Goldbachtal

 

Im Gegensatz zu vielen anderen römischen Siedlungsplätze in Südwestdeutschland wurden im Vicus Sindelfingen keine großen Plangrabungen durchgeführt. Die wenigen Funde sind nur unzureichend dokumentiert.


Doch man kann davon ausgehen, dass der Vicus am Goldberg eine Ausdehnung in Nord-Süd-Richtung von etwa 550m und in Südwest-Nordost-Richtung von 750m hatte. Daraus ergibt sich eine Größe von ca 15ha, also eine mittelgroße römische Ortschaft.

 

Straßenknoten am Goldbach
Die Lage des Vicus Sindelfingen an einem wichtigen Straßenknotenpunkt war sicher für die lokale Wirtschaft, die sich vorangig auf die Herstellung handwerklicher Produkte gründete, von großer Bedeutung.

 

Aus nordwestlicher Richtung führte eine auf Höhe Rutesheim von der Straßenverbindung Pforzheim – Bad Canstatt abzweigende römische Fernstraße in den Vicus hinein. Die aus Westen von Rottenburg kommende Straße dreht nach der Kreuzung in nordöstlicher Richtung ab und zieht durch das Goldbachtal weiter nach Bad Canstatt. Ausgehend von dieser Kreuzung querte eine kleinere Nebenstraße innerhalb der Siedlung den Goldbach in Richtung Goldberg.

 

Weitere Spuren von geschotterten oder gepflasterten Straßen zeigen, daß innerhalb der Siedlung Parzellen mit Gebäuden errichtet wurden.

 

Umspannstationen und Streifenhäuser
Es ist davon auszugehen, dass der Vicus ein Ortszentrum besaß, das wahrscheinlich an der Fernstraßenkreuzung im Westteil der Siedlung lag.

Umgeben von Verwaltungsgebäuden, Handelskontoren und Läden mit offenen Säulen- und Arkadengängen. Nahe bei dürften Umspannstationen, Übernachtungs- und Bewirtunghäuser mit Stallungen gestanden haben.


Streifenhäuser mit langrechteckigen Grundstücken, im Durchschnitt etwa 9m breit und 30m lang, reihten sich entlang der Straßen.

Im vorderen, der Straße zugewandten Teil waren Läden und  Werkstätten untergebracht; im rückwärtigen Teil lagen die Wohnungen; dahinter Nutzgärten.

 

Die zu Beginn in einfacher Holzbauweise ausgeführten Häuser, ersetzte man im 2. nachchristlichen Jahrhundert durch Steingebäude, die teilweise mit Hypokaustanlagen zur Beheizung ausgestattet wurden.


Das Fundament eines Streifenhauses wurde 1980 auf dem Gelände der Gottlieb-Daimler-Schule aufgedeckt. Es sind in Sindelfingen 15 Fundstellen mit Latrinengruben bekannt, in denen Abfälle aus Handwerksbetrieben oder Küchen entsorgt wurden.


Eine Reihe von einschlägigen Funden unterstreicht, daß es in Sindelfingen verschiedene Handwerksbetriebe gab. Mit ihren Produkten belieferten sie das gesamte Umland und vermutlich auch die Militärgarnisonen an der Grenze im Osten.

 

 

Götterverehrung im Vicus Sindelfingen


In der römische  Glaubenswelt verteilt sich göttliches Wirken auf eine Vielzahl von Göttern, die sich in vielen Regionen mit den alten Göttern der Einheimischen verbanden. In Tempeln und heiligen Bezirken wurden auf Altären Opfer dargebracht und Gaben geweiht.

 

Spärliche Funde
Im Vicus Sindelfingen ist bisher kein Heiligtum durch Baubefunde nachgewiesen worden. Aber am Nordhang des Goldbergs wurden vor 1850 südlich der Goldbachbrücke ein Altar oder ein Grabrelief mit zwei „in die Toga gehüllten männliche Figuren“ gefunden. Leider ist der Fund schon bald danach verschollen.


An gleicher Stelle wurde außerdem ein aus Stubensandstein gearbeites Relief der Victoria gefunden, das glücklicherweise erhalten blieb. Als Göttin des Sieges spielte Victoria neben dem Kriegsgott Mars bei den Soldaten eine wichtige Rolle.


Beim Bau von Wohnhäusern 1937 wurden Teile von Götterbildern aus Sandstein geborgen.
Diese Funde lassen auf eine Existenz eines Tempelbezirks in leicht erhöhter Lage am südlichen Rand des Vicus schließen.

 

Die Göttin Abnoba
Von Plinius und Tacitus wissen wir, dass der Schwarzwald von den Römern Abnoba genannt wurde. Die einheimische Bevölkerung verehrte Abnoba als Schutzgöttin dieses Gebirges, dem man in römischer Zeit auch die Waldgebiete der Gäue und des Schönbuchs zuordnete.


1937 wurden bei Bauarbeiten im Bereich Dresdenerstr. 2/4 das Bruchstück eines Stubensandsteinreliefs mit der Darstellung einer Göttin gefunden, wahrscheinlich Diana Abnoba. Erhalten ist nur der Oberkörper der Göttin, die mit der rechten Hand einen Pfeil aus ihrem über der rechten Schulter gehängten Köcher zieht.


Weitere Funde sind in dem beim Bau der Ikea-Niederlassung aufgedeckte Brunnen, ein Relief einer Minerva, und beim Bau des Hauses in der Böblingerstr. 97 auch im Brunnen gefundene auch aus Stubensandstein gearbeitete Kopf einer Mithrasstatue.

 

 

Die Friedhöfe des Vicus


Während der Zeit des 1. und 2. Jahrhunderts nach Christi war es üblich, die Toten „extra muros“, also außerhalb der Siedlungen zu verbrennen und auf abgegrenzten Friedhöfen an den Ausfallstraßen beizusetzen.


In Sindelfingen gibt es nur sehr wage Hinweise zur Lage der Friedhöfe.

 

Lage der Bestattungsplätze
Am Westhang des Goldbergs wurde 1951 bei Bauarbeiten in der Frankenstr. 16 ein römisches Körpergrab angeschnitten. Durch Befragung der Arbeiter ließ sich die Lage des Skeletts und der Beigaben ermitteln. In dem Körpergrab lag neben dem nach Nordwesten ausgerichteten Schädel ein Henkelkrug und ein Teller.


1967 beim Bau des Gebäudes Neckarstr. 46 wurden nach Angaben der Arbeiter menschliche Knochen mit dem Aushub abtransportiert. Im Rahmen der anschließenden Baustellenkontrolle konnten nur noch einzelne Scherben römischer Gefäße aufgesammelt werden. Diese Knochenfunde, darunter ein Schädel, lassen auf einen zweiten Bestattungsplatz auf dieser nach Nordosten führenden Ausfallstraße schließen.

 

Der Tote im Brunnen
Nicht angemessen bestattet wurde ein junger Erwachsener, dessen rechtes Scheitelbein Verletzungsspuren durch einen dreikantigen spitzen Gegenstand aufweist.

Das Schädelfragment lag in der Verfüllung eines 1980 auf dem Gelände der Gottlieb-Daimler-Schule freigelegten Holzbrunnens, der um 170 n. Chr. erbaut wurde.

 

Menschliche Knochenreste in römischen Brunnen sind ein immer wieder zu beobachtendes Phänomen und werden oft mit den „Alamanneneinfälle“ im 3. Jahrhundert in Verbindung gebracht.

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