Die Bauernschlacht am Goldberg

"Im Jahre der jungfräulichen Geburt 1525, an den Iden des Mai, das ist am 12. Tag jenes Monats, welcher Pancratius war und in der Woche der sechste, fand auf dem Goldberg, der zwischen den Städten Böblingen und Sindelfingen -vielen bekannt- gelegen ist, wo von dem bäuerlichen Volke gegen die Herren des Landes ein Lager aufgeschlagen worden war, eine höchst beklagenswerte Schlacht statt zwischen eben diesem bäuerlichen Volke, das aus dem ganzen württembergischen Lande dort zusammengebracht worden war, auf der einen und ihren Herren und verbündeten Fürsten, deren viel weniger waren, auf der gegnerischen Seite. Nachdem aber die Reiter des Schwäbischen Bundes auf die feindliche Partei losgestürmt waren und sie, nachdem die Schlachtordnung zertrennt worden war, in die Flucht geschlagen haften, wurde ein großer Teil von ihnen gefangen genommen, die übrigen auf der Stelle von den Feinden getötet; die Überlebenden aber fanden außerhalb des Lagers in Städtlein und Dörfern ringsumher Schutz und erkauften, von der Flucht endlich unverletzt zurückkehrend, wegen Abfalls von ihren Herren, denen sie untertan waren, um Geld das Leben. Damals regierte der römische König Ferdinand."

(Stadtschreiber Mag. Thomas Bechlin im Sindelfinger Privilegienbuch von 1528, zitiert aus Hermann Weisert, Geschichte der Stadt Sindelfingen 1500 - 1807).
 

So also die kurze Zusammenfassung eines Zeitzeugen jener wohl größten menschlichen Katastrophe auf Sindelfinger und Böblinger Gemarkung im vergangenen Jahrtausend.

 

Die Schätzungen über die Zahl der getöteten Bauern schwanken zwischen 2000 und 9000, die auf Seiten des Schwäbischen Bundes unter Führung des als ,,Bauernjörg" in die Geschichte eingegangenen Truchsess Georg von Waldburg werden von Chronisten mit unter 50 beziffert.

 

Obwohl die Bauern mit über 10.000 Mann das größere Heer auf dem Goldberg versammelt haften, war es ein ungleicher Kampf. Sowohl die ungleiche Bewaffnung wie die militärische Unerfahrenheit gegenüber einem Söldnerheer und die Uneinigkeit unter dem Bauernhaufen selbst und ihren Anführern machte die Niederlage erklärlich. 

 

Mit ihr fand die Erhebung der Bauern in Württemberg ihr Ende.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Erläuterungen:
Bauern                                   B= Berittene
Bewegung der Bauern            G= Gewalthaufe
Schwäbischer Bund                H= Hutten
Bewegung des Schw. Bundes  R= Rennfahne
S= Schützenfahne              Sch= Schloß
SH= Sindefinger Haufe      T= Truchseß
St= Stuttgarter Fähnlein     V= Verlorener Haufe
W= Wagenburg
Der Endkampf und die Fluchtbewegungen der Bauern
(Entwurf: Hermann Weisert/Zeichnungen und Aufnahme
Stadtbauamt Sindelfingen)

 

 

Wie aber hatte alles angefangen?
Bereits 1514 hatten Remstäler Bauern des "Armen Konrad" sich für mehr politische Rechte gegen ihre Herren erhoben.

 

Auch im Bauernkrieg 1525 ging es weniger um eine Erhebung aus wirtschaftlicher Not heraus, als um die Einforderung der den Bauern vorenthaltenen Rechte (siehe die 12 Artikel).

 

Nachdem die Ideen der Reformation Luthers durch Flugschriften in Windeseile in ganz Deutschland Aufnahme gefunden haften und diskutiert worden waren, stellte sich für viele mehr und mehr die Frage, ob die "Freiheit eines Christenmenschen" nicht auch im politischen Raum Konsequenzen haben müsse.

 

In Mitteldeutschland wurde der Theologe Thomas Müntzer zum Vorkämpfer eines Gottesreiches auf Erden, in dem Gerechtigkeit und Gleichheit aller Menschen auch politisch umgesetzt sein sollen.
Nachdem Müntzer zunächst von Luther beeinflusst gewesen war und auch mit ihm kooperiert hatte, setzte er sich später von ihm in dieser Frage ab und prangerte ihn als das "geistlos sanfft lebend Fleisch zu Wittenberg" an.

 

Luther hatte zunächst versucht mit seiner "Ermahnung zum Frieden auf die zwölf Artikel der Bauernschaft in Schwaben" zwischen den Bauern und ihren Fürsten bzw. Herren zu vermitteln.

War aber kurz darauf auf die Fürstenseite "wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern" umgeschwenkt und hatte nicht nur gegen den "Erzteufel, der zu Mühlhausen regiert und nichts als Raub, Mord, Blutvergießen anrichtet" (Thomas Müntzer) vom Leder gezogen sondern auch die Fürsten aufgefordert: "Darum, liebe Herren erlöset hier, rettet hier, helft hier, erbarmt euch der armen Menschen: steche, schlage, töte hier, wer kann."


Die Bauern in Schwaben aber hatten mit ihren auch vom Schweizer Reformator Zwingli mitinspirierten zwölf Artikeln (entstanden im März 1525 in Memmingen) zunächst friedlich versucht, ihre Rechte einzuklagen.

 

Erst als sowohl die kirchlichen als auch die weltlichen Herren in Oberschwaben nicht bereit waren mit ihnen darüber zu verhandeln, kam es zu Übergriffen auf Klöster und Burgen und infolgedessen auch zur Konfrontation mit dem Schwäbischen Bund, dem 1488 gegründeten Bündnis von Fürsten, Reichsstädten, Reichsrittern und Reichsklöstern in Schwaben zur Sicherung des Landfriedens.


In Württemberg war die Situation insofern noch komplizierter, als der wegen Mordes aus seinem Land verbannte Herzog Ulrich versuchte, die Bauernerhebung zu seinen Gunsten gegen die habsburgischen Stadthalter in Stuttgart zu instrumentalisieren.

So gab es in Württemberg sowohl "altgläubige" mit den Habsburgern sympathisierende Bauern als auch Bauern, die auf die Rückkehr Ulrichs, der sich inzwischen der Reformation angeschlossen hatte, hofften.


Trotzdem waren sie sich zunächst in der Verfolgung ihrer Ziele auf der Grundlage der zwölf Artikel einig.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Von Bottwar ausgehend zog ein immer größer werdendes Bauernheer durch die württembergischen Kernlande.

 

Anfang Mai 1525 kam es von Degerloch her nach Sindelfingen, um dann zunächst in Herrenberg Halt zu machen, das sie mit Gewalt einnahmen.


Inzwischen hatte das Bauernheer auch viele in ihren Reihen, die gezwungenermaßen mitmussten.

 

Die Dagersheimer waren mit Waffengewalt zum Mitmarschieren gezwungen worden während die Darmsheimer, wie Thomas Briem weiß ("Die Bauernschlacht bei Böblingen"), mit Bauernschläue diesem Schicksal entronnen waren: Sie hatten sich vor dem Eintreffen der Aufständischen "all uß dem Dorf gethan, sodaß diese kam ainhaimisch funden haben..." .

 

So war die letztendliche Niederlage sicher auch aus dieser mangelnden Bereitschaft vieler, für eine nicht einsehbare Sache den Kopf hinzuhalten, erklärlich.


Und trotzdem:

Es ist ein besonderes Phänomen, dass "der gemeine Mann" schon zu Beginn der Neuzeit und lange vor den bürgerlichen Revolutionen des 18. und 19. Jahrhunderts in diesen zwölf Artikeln seine Rechte eingefordert und dafür demonstriert hat - und zwar in zunächst gewaltlosen Bündnissen gegen die "Obrigkeit".

 

Und diese Bündnisse waren zudem ganz reformatorisch auf die Aussagen der Bibel gegründet, wenn es auch nicht im Sinne Luthers war, der zum "Fürstenknecht" wurde.

 

In dieser Hinsicht sehen wir heute, dass Luther von den für ihre Rechte kämpfenden Bauern im Sinne einer auf Gerechtigkeit und Frieden aufgebauten Grundordnung weit überholt wurde.


So hatten sie z.B. im Unterschied zu Luther in ihrer "Memminger Bundesordnung" vom März 1525 schon die Anwendung von Gewalt zur Durchsetzung ihrer Ziele abgelehnt. Den Herren sollte "mit Lieb und Fründtschaft“ begegnet werden.

 

Das Erbe einer solchen ursprünglich gewalifreien Konfliktbearbeitung bei gleichzeitig engagiertem Eintreten für Recht und Gerechtigkeit sollten wir bewahren.

 

Reinhardt Seibert

 

 

 

 

Quellen:
Briem, Thomas: Die Bauernschlacht bei Böblingen, Böblingen 1989 (3.Aufl.)
Buszello/Blickle/Endres (Hrsg.): Der deutsche Bauernkrieg, Paderborn 1995 (3.Aufl.)
Weisert, Hermann: Die Geschichte der Stadt Sindelfingen 1500-1807, Sindelfingen 1963
Bauernkriegsmuseum Böblingen, Pfarrgasse 2

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